

INTERVIEW ISABEL COIXET
Wie kam es dazu, dass Sie einen Film in Tokio gedreht haben?
Ich habe einige Zeit in Tokio verbracht. Wie viele Touristen bin ich eines Tages auf den
Tsukiji Fischmarkt gegangen und habe dort fotografiert. Ich sah ein hübsches junges
Mädchen, das mit einem Wasserschlauch das frische Blut eines großen Thunfisches
beseitigte. Als sie bemerkte, dass ich Fotos von ihr machte, wurde sie wütend und fing an
mich anzuschreien, also hörte ich auf. Auf dem Weg zurück ins Hotel dachte ich darüber
nach, warum sie so wütend war. Ich fing an, mir in meiner Fantasie eine Geschichte über
dieses Mädchen auszumalen. Ich dachte an ihre Gummistiefel zwischen dem
geschmolzenen Eis und dem Blut von frisch geschlachtetem Thunfisch. Auf einmal wurde
mir klar, dass ich diese Geschichte erzählen wollte. Die Geschichte einer harten,
zurückgezogenen, geheimnisvollen und verletzten Frau, die ein Doppelleben führt: eine
Fischmarkt-Arbeiterin, die putzt, Kisten schleppt und zeitweise Aufträge als Profikillerin
annimmt.
Welche Aspekte haben Sie an Tokio am meisten interessiert?
Ich mag den Kontrast zwischen großen, modernen Gebäuden und der Tatsache, dass
man an jeder Ecke Tempel und Friedhöfe finden kann. Auch diese Mischung aus
Popkultur und hoher Kunst ist für jemanden wie mich, mit meinem widersprüchlichen
Geschmack, unwiderstehlich. Ich kann morgens Hardcore-Mangas lesen und abends
Flaubert und Goethe.
Was hatten Sie für ein Verhältnis zur japanischen Kultur und zum Film vor dem Dreh? Sie haben ihre erste Produktionsfirma immerhin Misswasabi genannt…
Ich finde den Kontrast zwischen Popkultur und hoher Kunst in Japan unwiderstehlich. Ich bin ein großer Fan von Haruki Murakami und Banana Yoshimoto. Filme, ähnlich wie Melodien oder Gedichte, entstehen oft aus fremdartigen Begegnungen, aus seltsamen Assoziationen, die völlig unwahrscheinlich sind, aber voller Magie.
Inwieweit spielen Raum und Schauplatz eine Rolle wenn Sie Filme drehen, insbesondere
in einer globalisierten Welt?
Das Schöne ist, dass ich inzwischen die Möglichkeit habe überall auf der Welt zu drehen.
Das Filmemachen ist für mich ein Abenteuer und eine Entdeckung von Landschaften und
Charakteren, die ich mir durch die Kamera aneignen kann. Ich empfinde es auch als eine
eigenartige Freiheit außerhalb meines Landes und meiner Stadt zu drehen, weil ich das
Unbekannte und Unerwartete daran liebe. Ich bin glücklich, Ideen unabhängig von
Sprache und Hintergrund umsetzen zu können.
Betrachtet man die drei Hauptcharaktere von EINE KARTE DER KLÄNGE VON TOKIO,
was macht sie besonders interessant und welchem fühlen Sie sich als Filmemacherin am
nächsten?
Ich bin allen drei Charakteren sehr nahe. Ich denke ein Teil von mir steckt in dem
Toningenieur, als jemand, der durch die Leben Anderer lebt. Ein anderer Teil ist dem
Charakter von Sergi López sehr ähnlich - ich liebe Essen, Wein und Sex. Und ein sehr
dunkler und hoffnungslos romantischer Teil von mir steckt auch in Rinko Kikuchis Rolle.
Wie würden Sie die Beziehung zwischen David und Ryu beschreiben?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass die Beziehung der beiden aufrichtig ist, aber sie ist
auf jeden Fall sehr real. Die Tatsache, dass sie für ihn stirbt, dass er niemals wissen wird,
was wirklich passiert ist und sie ihn für den Rest seines Lebens in seiner Erinnerung
heimsucht finde ich sehr berührend.
Wie kamen die Schauspieler zu ihren Rollen?
Ich habe Davids Rolle Sergi auf den Leib geschrieben, weil ich wusste, dass er den
Charakter perfekt und mühelos transportieren würde. Sergi ist einer der unterschätztesten
europäischen Schauspieler, er wirkt immer als würde er sich selbst spielen, aber ich kenne
ihn mittlerweile sehr gut und kann nur sagen: Es stimmt nicht.
Für die anderen Rollen habe ich ein Casting in Tokio gemacht. Rinko Kikuchi war
umwerfend, sie ist einfach ein faszinierender Mensch. Die restlichen Schauspieler sind in
Japan alle sehr bekannt, und ich finde sie haben ihre Sache wirklich gut gemacht.
Der Film beginnt mit einer "Nyotaimori"-Szene, dem auf Frauenkörpern angerichteten
Sushi. Können Sie uns erklären was es damit auf sich hat?
Nyotamori ist in Japan sehr umstritten, aber ob es den Leuten gefällt oder nicht, es ist eine
Tatsache. Für mich ist diese Szene deshalb wichtig, um zu verstehen, dass es für Midoris
Vater, Nagara-San, eine sehr unangenehme Situation ist und seine heftige Reaktion auf
die Nachricht von Midoris Tod in filmischer Hinsicht an Dramatik gewinnt. Ich war der
Ansicht es wäre auch ein guter Weg den Film mit einer Szene zu beginnen, die zeigt wie
verkehrt die Wahrnehmung Japans durch Außenstehende oftmals ist.
Wie würden Sie ihre Art Filme zu machen und Ihre Einflüsse beschreiben?
Ich glaube ich bin eine zwanghaft neugierige Person, was mich auch zu einer
zwanghaften, neugierigen und furchtlosen Filmemacherin macht. Meine Einflüsse waren
immer eher literarisch als filmisch. Aber zu meinen Lieblingsfilmen zählt alles von Kore-
Eda, Naomi Kawase, Arnaud Desplechin, Alexander Payne, den Coen-Brüdern... Ich bin
auch ein großer Fan von Christopher Guest Filmen: Das sind die besten Komödien!
Was sind ihre Ziele als Filmemacherin?
Ich möchte weiterhin lernen. Weiterhin mit großartigen Schauspielern und Crews arbeiten.
Weiterhin das Gefühl haben, dass meine Filme manchen Menschen etwas bedeuten und
sie auf ganz besondere Art berühren.
Sie haben einmal gesagt: "Das Kino fängt da an, wo das Glück endet." Könnten Sie das
näher erläutern?
Das habe ICH gesagt? Da muss ich wohl betrunken gewesen sein.
